Eindrucksvoll beschreibt auf
www.spiegel.de der bekannte Schriftsteller Leon de Winter die Weltlage des Terrors. und er spricht Wahrheiten an, die ich besser nicht ausdrücken könnte.
Mörderische Frömmigkeit
Von Leon de Winter
Einigen europäischen Kommentatoren und Journalisten waren die Motive der Bombenattentäter von London sofort klar: Wut über die Befreiung des Irak durch amerikanische und britische Truppen und über die Behandlung der Palästinenser durch Israel. In meinem Heimatland Holland drängte uns der politische Kommentator und Kulturhistoriker Thomas von der Dunk, ein sich offen bekennender Homosexueller, al-Qaidas Verdruss mit Verständnis zu begegnen. Im britischen "Guardian" äußerte sich der Kolumnist Gary Younge: "Wenn Blair nicht wusste, dass uns die Invasion verwundbarer macht, ist er fahrlässig; wenn er es wusste, sollte er die Verantwortung für seinen Anteil an dieser Tat übernehmen." Auch "Trouw", eine niederländische Zeitung, druckte einen Brief ab, in dem die Abschaffung der traditionellen niederländischen Toleranz und Modernität gefordert wurde, da sie radikale Muslime provozieren würden.
Die Kritiker von Premierminister Blairs Irak-Politik liegen nicht falsch, was die Motive der Terroristen angeht. Es ist wahr, dass die Terroristen die Hoffnung hegen, sie könnten das britische Volk mit Gewalt zum Verzicht auf die britische Militärpräsenz im Süden des Irak erpressen. Die Frage ist: Sollte sich das britische Volk dem beugen?
George Galloway, ein britischer Parlamentarier der Respect-Partei, beantwortete dies mit einem eindeutigen Ja. Und er wird gegebenenfalls von der Mehrheit der Europäer unterstützt. Für sie scheint der Gedanke, dass der Irak erneut der Tyrannei der Baath-Partei oder dem radikalen Islam zum Opfer fiele, ein fernes, vages und abstraktes Problem zu sein. Sie stellen sich vor, dass sich die Welt wieder beruhigen wird, wenn der Westen erst seine Truppen aus dem Irak und aus Afghanistan abzieht. Dass damit aber die religiöse Despotie wiederhergestellt würde, in der kein Platz wäre für Menschen wie sie selbst, für Programmkinos, die künstlerische Filme aus Südkorea und Finnland zeigen, für kritische Journale oder nackte Bauchnabel oder homosexuelle Männer wie Herrn von der Dunk, scheint Herrn Galloway und seinesgleichen nicht zu stören. Es riecht nach blinder Arroganz, nicht auch anderen die Freiheiten zu wünschen, die man als selbstverständlich betrachtet.
Radikalislamischer Widerstand gegen die Präsenz der Amerikaner und Briten im Irak und in Afghanistan speist sich grundsätzlich aus der - für radikale Muslime unakzeptablen - Vorstellung, dass die dominante Militärmacht im Haus des Friedens (nach traditionellem Verständnis das Territorium, in dem die Gesellschaft seit dem siebten Jahrhundert dem islamischen Recht untersteht) bei den Ungläubigen und Christen aus dem Haus des Krieges (den Regionen, in denen das islamische Recht ohne Geltung ist) liegt.
Trotz der persönlichen Tragödien, die mit den Gräueltaten verbunden sind, ist eine Erkenntnis wichtig: Die fundamentalistische Revolte gegen den Status quo in der arabisch-islamischen Welt ist endgültig gescheitert. Alle Regime, von der sogenannten aufgeklärten Diktatur in Marokko bis zur strengen Tyrannei in Saudi-Arabien, haben mit dem islamischen Fundamentalismus nicht viel Federlesen gemacht.
In militärischer Hinsicht haben die Terroristen gegen die übermächtigen Armeen des Westens keine Chance. In der Hoffnung, die öffentliche Meinung und die politischen Eliten zu beeinflussen, versuchen sie daher, die Bevölkerung sowohl der arabischen als auch der westlichen Länder zu terrorisieren. Sie glauben, dass die Bewohner des Westens moralisch schwache Menschen sind, die, da ihnen der Glaube an das ultimative Buch fehlt und sie von perverser Lust zersetzt sind, nicht stark genug sind, um sich zu verteidigen und ihre Söhne im Kampf zu opfern.
Auch wenn Kritiker des Irak-Kriegs wie Michael Moore vielleicht anders argumentieren: Die Kriege in Afghanistan und im Irak werden nicht geführt, um Kolonien oder Provinzen zu erwerben. Zur Debatte steht, ob es unter westlicher Aufsicht möglich ist, eine stabile Bürokratie und eine friedfertige Mittelschicht in diesen gescheiterten arabisch-islamischen Nationalstaaten, in denen die Gesellschaftsordnung weitgehend auf Stammesloyalität, Korruption und der Unterdrückung der Frauen basiert, heranzuziehen.
Der islamistische Widerstand gründet sich auf den tiefen Glauben, dass diese modernen westlichen Institutionen und Konzepte der Scharia, dem islamischen Gesetzeswerk, diametral entgegenstehen. Damit haben die Islamisten absolut recht. Diese westlichen Konzepte bieten dem einzelnen Bürger Autonomie und Freiheit und machen die Wünsche der freien Gemeinschaft freier Bürger zum Schwerpunkt der Macht in der Gesellschaft - die angebliche Antithese zur Scharia.
Traditionell schweigt die Umma, die weltweite Gemeinschaft der Muslime, über Missstände in den eigenen Reihen. Es gibt praktisch keinen Protest der westlichen und arabischen Muslime über Straftaten in der arabisch-islamischen Welt. Saddam Hussein konnte den Irak ausbluten, als wäre es seine eigene private Provinz gewesen, ohne dass es Demonstrationen von Arabern oder Muslimen in Europa oder Nordamerika gab. In dem gescheiterten Nationalstaat Afghanistan konnten Korangelehrte eine kulturelle und humanitäre Einöde schaffen, ohne dass Muslime auf die Straßen drängten, um das Ende dieser unmenschlichen Ideologie zu fordern.
Selten haben muslimische Führer die schändlichen Bedingungen im Irak, in Algerien, im Sudan oder in Afghanistan beanstandet. Die Einzigen, die dies taten, waren Flüchtlinge und Dissidenten, Stimmen am Rande einer religiösen Gemeinschaft, die über eine Milliarde Mitglieder zählt.
Dieses Schweigen endete, als westliche Mächte sich das Recht nahmen, die Tyranneien, die Afghanistan und den Irak beherrschten, zu zerstören. Eine Vielzahl von Muslimen erhielt plötzlich eine Stimme; und sehr unterschiedliche Sympathisanten stimmten in den Chor der Gegner der amerikanischen Intervention in islamischen Ländern ein: Sowohl radikale als auch gemäßigte Muslime haben die Taten der amerikanischen und der britischen Regierung viel stärker und schroffer verdammt, als sie je die von Saddam Hussein verübten Massaker kritisierten, während säkulare und linke westliche Intellektuelle heftigen Widerstand gegen die amerikanisch-britischen Versuche, den barbarischen, frauenfeindlichen und in der Tat absurden religiösen Despotismus der Taliban zu beenden, zum Ausdruck brachten.
In den letzten Jahrzehnten wurden Millionen Muslime von anderen Muslimen getötet, und doch wird diese Tatsache von der islamischen Weltgemeinde weitgehend ignoriert. Nur wenige Muslime haben je öffentlich gefordert, dass die Umma einen Teil der moralischen und religiösen Verantwortung für diese entsetzlichen Massaker übernimmt. Die Arabische Liga ignoriert die Massaker an Muslimen durch andere Muslime geschickt, protestiert aber lautstark, wenn sich Zwischenfälle zwischen Israelis und Palästinensern ereignen. Dieser Zorn, insbesondere im Hinblick auf die Behandlung der palästinensischen Muslime und Christen durch die Israelis (deren Härte in keinem Vergleich zu der wüsten Zerstörung steht, die zum Beispiel Saddam Husseins Clan unter den irakischen Schiiten und Kurden verursacht hat), steht im starken Gegensatz zu dem ohrenbetäubenden Schweigen als Reaktion auf die Millionen muslimischer Opfer in diesen vernichtenden Konflikten.
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zu Teil 2:
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